Suche



   
Sie sind hier: Startseite Die Geschichte Kakteen-Haage - eine Kakteengeschichte


Kakteen-Haage - eine Kakteengeschichte PDF Drucken E-Mail

Die Geschichte einer nicht ganz gewöhnlichen Gärtnerfamilie

Es ist wirklich nicht so, daß es Kakteen in Deutschland schon immer gegeben hat, vor nicht allzu langer Zeit waren sie hier noch gänzlich unbekannt. Der Überlieferung zu Folge haben spanische Seefahrer die ersten Samen mitgebracht. Einige Zeit später wurden die ersten Kakteen zwischen den Pomeranzen und Mandelbäumchen als Wunderlichkeiten der neuen Welt vorgezeigt, allerdings war dieser Luxus nur wirklich Begüterten vorbehalten. Die Entwicklung, der Kakteen vom Luxusgut zu einer Pflanze, die heute viele Menschen in ihren Bann zieht, hat nicht nur einige Zeit gedauert, viele harte Seefahrer, fanatische Sammler, penible Wissenschaftler, aktive Naturschützer und fleißige Gärtner hatten ihren Anteil daran. Dem Weg einer der Firmen, die von Anbeginn an dabei war und noch heute, nach über 180 Jahren Ihrer Tradition treu ist soll hier kurz nachgegangen werden.

Im März des Jahres 1796 wurde Friedrich Adolph Haage als Sohn von Johann Nikolaus Haage und Katharine Barbara Nehrlich geboren. Er setzte die Tradition der bereits seit dem 17. Jahrhundert in der Blumenstadt Erfurt ansässigen Gärtnerfamilie fort. Seine Unterweisung in der Gärtnerkunst erhielt er bei keinem geringeren als Johann Heinrich Seidel am Hofe des Königs Friedrich August von Sachsen. Hier wurde der erste nachweisliche Kontakt des Namens Haage mit der Familie der Kakteen dokumentiert. Der junge Friedrich Adolph hatte die Pflege der Kakteen übernommen. Der König wünschte von seinem Hofgärtner Seidel die "Königin der Nacht" zu seinem Gartenfeste in Blüte zu sehen. Die Pflanze hatte im Vorjahr einen Frostschaden davongetragen. Friedrich Adolph gelang es jedoch durch gute Pflege und einiges Geschick dem Wunsch seines Lehrherren nachzukommen und erweckte die Pflanze nicht nur zu neuem Leben, sondern brachte sie auch fristgerecht zum Gartenfest zur Blüte.

Friedrich Adoplh Haage

Friedrich Adolph Haage

Nach einigen erfolgreichen Wanderjahren kehrte er zurück in seine Heimat nach Erfurt und gründete dort eine kleine Handels- und Samengärtnerei. Mit dabei war ein Steckling der "Königin der Nacht", - der König hatte ihm aus Dank gestattet, von ihr einen Steckling mit nach Hause zu nehmen. Trotz anfänglicher Rückschläge entwickelte sich die kleine Firma recht bald zu einem bedeutenden Gartenbauunternehmen. Neben der geschäftlichen Tätigkeit fand Friedrich Adolph Haage jedoch auch immer wieder die Zeit, seiner Liebe zu den Kakteen zu frönen. Innerhalb kürzester Zeit hatte er den Ruf ein bedeutender Kenner dieser Kultur zu sein und auch seine Sammlung war bekannt dafür, eine der umfangreichsten und vollständigsten ihrer Art zu sein.

Ein Grund für seinen Erfolg mag wohl darin begründet liegen, daß er nicht nur ein hervorragender Kultivateur und Kaufmann war, wie viele zeitgenössische Dokumente belegen, er hatte auch einen sehr feinen Sinn für erfolgversprechende Neuerungen. So war er einer der ersten deutschen Handelsgärtner, der sich der Zeitungsanzeige als Werbemedium bediente. Von manchen Kennern dieser Zeit wird ihm auch nachgesagt, er sei ein Mitbegründer des kommerziellen Versandhandel im Gartenbau. Seine erste Versandliste erschien 1824 - zwei Jahre nach Gründung seines Unternehmens. Ein Gradmesser für die Bedeutung der Firma Friedrich Adolph Haage jun. mag die Namensliste der Besucher sein, die zu allen Zeiten den Betrieb besichtigten. Goethe, Liszt oder Humboldt mögen stellvertretend für all die großen Namen stehen, die hier zu Besuch waren. Auch im öffentlichen Leben war Friedrich Adolph Haage sehr aktiv tätig. So war er Mitbegründer des Erfurter Gartenbauvereins und wurde später ob seiner besonderen Verdienste zu dessen Ehrendirektor ernannt. Nach seinem Tode im September 1866 errichtete der Erfurter Verschönerungsverein im Steigerwald ein Denkmal ihm zu Ehren.

Friedrich Adolph Haage Memorial

 

Der Sohn und Nachfolger Gustav Ferdinand Haage hatte einen sehr schweren Start. Die Auszahlung der Erbteile an die Kinder seiner Brüder belastete das Unternehmen bis an seine Grenzen und nötigten ihn, seine volle Arbeitskraft in die Geschäftsführung zu bringen. Für die Betätigung im Gartenbauverein, dessen aktives Mitglied er seit 1837 war blieb kaum noch Zeit. Im Jahr 1870 mußte er wegen dem Bau der Eisenbahn sein bisheriges Betriebsgelände aufgeben und vor die Festungsanlagen der Stadt verlegen. Hier traf ihn ein anderes Problem: das Umland der damaligen Festung Erfurt unterlag den Rayonbeschränkungen. Das hieß, jede bauliche Veränderung, Erdaufschüttung oder gar Aufstellung von Öfen hätte dem möglichen Feinde zu Vorteil gedeihen können und bedurfte eines sehr umfangreichen Genehmigungsverfahrens. Ein sehr amüsantes zeitgeschichtliches Dokument ist der Schriftverkehr des sogenannten "Ofenkrieges", der die Genehmigung zum Aufstellen eines Ofens zum Inhalt hat. All die widrigen Umstände wirkten sich negativ auf den Geschäftsbetrieb aus, Ferdinand Haage zog sich bald aus dem Geschäft zurück und übergab den Betrieb an seinen Sohn, der im April 1859 geboren war.

Gustav Ferdinand Haage

 

Ferdinand Friedrich Adolf Haage hatte eine umfangreiche Ausbildung auch im Ausland erhalten. In seiner Freizeit war er ambitionierter Rennradfahrer und gewann unter anderem einen Weltmeistertitel. Er realisierte die Ideen seines Urgroßvaters und spezialisierte sich weiter auf die Kultur von Kakteen und hatte damit bald sehr großen Erfolg. Anknüpfend an die Kontakte seiner Vorfahren verkaufte er seine Kakteen bald auch ins Ausland. Auf allen wichtigen Ausstellungen im In - und Ausland war er mit seinen Pflanzen vertreten und erregte häufig großes Aufsehen. Um den Betrieb erweitern zu können, verlegte er seinen Sitz erneut. In der Andreasflur, wo der Betrieb noch heute seine Kulturen hat, fand er 1903 ein erweiterungsfähiges Grundstück. In neuen Gewächshäusern vergrößerte der seine Samen- und Pflanzenkulturen. Doch schon 1914 brachen durch den Kriegsausbruch alle Handelsbeziehungen zusammen, der älteste Sohn fiel im Krieg.

Ferdinand Friedrich Adolf Haage

 

Der jüngere Bruder Walther Haage mußte auf das Botanikstudium verzichten und erlernte den Beruf des Gärtners. Während seiner Wanderjahre in Stuttgart, Belgien und Schweden erweiterte er nicht nur seinen Horizont, als er heimkehrte konnte er seine neuen Kontakte nutzen, um den vom Krieg geschwächten Betrieb wieder aufzubauen. Trotz Inflation finanzierte er kostspielige Expeditionen in Amerika um Kakteen zu sammeln. Bald stand der Name Haage wieder für ein reichhaltiges Spezialsortiment und wurde in alle Welt verkauft. In dem begehrten bebilderten Haage - Katalog wurden zum ersten Mal die beiden Kakteennomenklaturen von Prof. Schumann / Alwin Berger und Prof. Britton / Rose gegenübergestellt - ein Vorgang der seinerzeit große Diskussionen auslöste. Neben seiner Betätigung als Coautor ist Walther Haages eigene schriftstellerische Tätigkeit zu erwähnten. Bereits sein erstes Buch "Kakteen im Heim" erschien in mehreren Sprachen in zahlreichen Auflagen. Nach dem Tode seines Vaters im Mai 1930 übernahm Walther Haage die Geschäftsführung und baute den Betrieb zu einem leistungsfähigen Samenzuchtbetrieb aus. Durch den Volksernährungsplan im Dritten Reich mußten die "nicht-arischen" Kakteen jedoch in den Hintergrund treten, primär war die Erzeugung von Gemüse. Trotz ihres "Schattendaseins" unter den Tischen wurde die Kakteensammlung weiter gepflegt und auch in dieser schwierigen Zeit waren Kakteen in der Samenliste zu finden. Doch bald zerstörte der nächste Krieg die Grundlagen des Geschäftes und alle Verbindungen ins Ausland.

Walther Haage

Daß die Kakteensammlung die schwere Nachkriegszeit überlebte, verdankt sie einem Zufall, oder vielmehr dem damaligen Direktor des Botanischen Gartens Leningrad. Dieser war als Stadtkommandant der Roten Armee in Erfurt stationiert und besuchte den Betrieb in grimmiger Winterzeit. Aus Mangel an Brennstoffen war bereits ein großer Teil der Obstbäume und ein Holzschuppen verheizt worden. Baranov war beeindruckt von der umfangreichen Kakteensammlung, die durch den anhaltenden Winter gefährdet war. Wenige Tage später trafen mehrere Wagenladungen Kohle ein.

Prof. Baranov

Der Wiederaufbau gestaltete sich in Ermangelung eines Marshallplanes schwierig, trotzdem stand der Betrieb bald wieder in alter Blüte. Die gesellschaftliche Entwicklung brachte jedoch immer häufiger Probleme mit sich. So wurden nicht nur Betriebsmittel für Privatbetriebe rationiert, auch hatten deren Eigentümer und Mitarbeiter unter manchen Repressalien zu leiden. Im Jahr 1961 mußte Walther Haage staatliche Beteiligung aufnehmen und 1972 wurde der Betrieb innerhalb einer Woche endgültig in Volkseigentum überführt. Walther Haage, der bis 1972 Betriebsbesitzer war, verlor mit der Enteignung das Geschäft und dessen Leitung.

 

In Ermangelung einer anderen entsprechend qualifizierten Person, wurde die Leitung der Brigade Kakteenzucht des VEG (Volkseigenes Gut) Saatzucht Zierpflanzen, wie Kakteen-Haage nun hieß, mehr oder minder zähneknirschend Walthers Sohn Hans-Friedrich Haage, übergeben. Dieser hatte gemeinsam mit seiner Frau Liebgund gerade das Studium an der Humboldt - Universität in Berlin absolviert. Aufgrund des Kakteenbooms, den Deutschland zu Beginn der 70er Jahre ergriffen hatte, wurde enorm in die Substanz und den Bestand des Unternehmens investiert, fünf zeitgemäße 600 m² Gewächshäuser wurden gebaut. Die Produktionfläche wurde damit verfünfacht. Walther Haage der weiterhin als Saatzuchtleiter angestellt war, nahm noch immer - wenn auch inoffiziell einen maßgeblichen Einfluß auf die Entwicklung des Betriebes. Nebenher begann er zu schreiben. Bedeutende Werke, wie "Das Praktische Kakteenbuch", oder "Schöne Kakteen richtig pflegen" brachten viele Menschen zur Kakteenliebhaberei.

Hans-Friedrich Haage

Dabei wurde er maßgeblich von seiner Frau Lotte unterstützt. Das Lexikon "Kakteen von A bis Z" ist noch heute ein weit verbreitetes Nachschlagewerk für Kakteenfreunde, jedoch nur noch selten und nur antiquarisch zu bekommen, da die die es besitzen es gut hüten.

Für seine Verdienste um die Sache der Kakteen wurde Walther Haage als Ehrenmitglied in die DKG aufgenommen (und bekam so mittels Sondergenehmigung die in der DDR besonders begehrte Zeitschrift "Kakteen und andere Sukkulente"). Im Jahr 1988 wurde ihm der "Goldene Kaktus" verliehen, eine Auszeichnung, gestiftet von der verstorbenen Fürstin Gracia Patricia von Monaco für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Kakteenzucht. Hans - Friedrich Haage führte die Brigade Kakteenzucht durch die Höhen und Tiefen der DDR - Epoche, eine Zeit, in der alle mehr und mehr zusammenrückten. Es wurden viele Verbindungen im Ostblock geknüpft, so beispielsweise mit Dr. Georg Wolsky (Botanischer Garten Leningrad), aber auch mit dem sogenannten nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet wurden Verbindungen gehalten. Zum Teil war dies nicht ganz ungefährlich, jedoch sicherte dies einen gewissen Nachschub an Neuheiten aus dem "Westen" für die sonst autarke DDR.

Als 1989 die Mauer langsam durchlässig wurde, wuchsen auch die unterbrochenen Verbindungen recht schnell wieder zusammen, beispielsweise mit der DKG Ortsgruppe Kassel. Auch internationale Verbindungen wurden wieder lebhafter und nahmen ihren ursprünglichen Platz ein. So lebte der glücklicherweise nie ganz abgebrochene Kontakt zur Städtischen Sukkulentensammlung Zürich recht schnell wieder auf, aber auch Verbindungen zu den deutschen Botanikern und Kakteenzüchtern waren bald wieder auf dem laufenden.

Auch für Walther Haage war es wohl eine der größten Freuden seines Lebens, als er in seinen letzten Tagen miterleben durfte, wie sein Sohn seine Firma wieder zurück in den Familienbesitz überführte. Walther Haage starb hochbetagt mit 91 Jahren, kurz vor dem einhundertsiebzigsten Firmenjubiläum. Seine Frau Lotte, heute 95 Jahre, ist noch immer häufig in den Gewächshäusern anzutreffen, wo sie "ihre Aussaaten" überwacht und den Mutterpflanzenbestand betreut.

Für Hans - Friedrich Haage begann die Rückführung mit dem Sprung ins kalte Wasser der noch etwas ungewohnten freien Marktwirtschaft. Eine sehr große Hilfe beim Neuanfang waren Kakteenfreunde aus aller Welt. Vielen von ihnen war der Name Haage noch mit einer besonderen Bedeutung bekannt. Bereits nach drei Jahren zeigte es sich, daß die Entscheidung, der Tradition des Kakteenversandes trotz der fast aussichtslosen Lage nach der Wende zu folgen, richtig war. Für viele zählt noch immer der altbekannte Ruf von Haages erstklassigem Saat- und Pflanzgut, daß beweisen auch die häufigen Briefe von zufriedenen Kunden. Inzwischen ist Kakteen - Haage wieder fest etabliert, die Pflanzen der Sammlung sind nach alter Tradition immer wieder auf Gartenschauen in ganz Deutschland zu sehen.

 

Der Fortbestand der Firma für das nächste Jahrtausend ist bereits gesichert. Ulrich Haage hat 1994 seine Ausbildung beendet die ihn durch verschiedene deutsche Firmen zwischen Kiel und Stuttgart, nach Belgien, Guatemala, The Royal Botanic Gardens, Kew und an die Städtische Sukkulentensammlung Zürich führte.

Im 175 Jahr des Bestehens der Firma übernahm er die Gärtnerei von seinem Vater um damit in das Vermächtnis seiner Urahnen hineinzuwachsen und getreu dem Rat zu handeln, den sein Vorfahre vor 185 Jahren bekam:

"Haage, bleiben Sie den Kakteen treu!"

Mehr Geschichte zum Anschauen finden Sie in unserem Museum.

 
 
Links | Jobs | Veranstaltungen | Empfehlungen | Impressum
Copyright © 2012 KAKTEEN-HAAGE - Älteste Kakteenzucht Europas - seit 1822. Alle Rechte vorbehalten.

 

Kakteenforum Beiträge